Seit September 2025 gilt der EU Data Act und regelt unter anderem den Wechsel zwischen Datenverarbeitungsdiensten: Anbieter müssen den Wechsel unterstützen, und Wechselentgelte werden bis Januar 2027 vollständig abgeschafft. Für KI-Anwendungen entsteht die eigentliche Abhängigkeit aber selten beim Cloud-Vertrag. Sie entsteht in proprietären Schnittstellen, Prompt-Formaten, Vektordatenbanken und Werkzeugen, die es nur bei einem Anbieter gibt.
Vier Ebenen der Abhängigkeit
| Ebene | Woran die Abhängigkeit entsteht | Wie sie sichtbar wird |
|---|---|---|
| Daten | Proprietäre Formate, Vektorindizes, Protokolle beim Anbieter | Exporttest: Kommen alle Daten in einem offenen Format heraus? |
| Modell | Prompts, Antwortformate und Verhalten, auf die der Ablauf abgestimmt ist | Testset gegen ein zweites Modell ausführen |
| Werkzeuge und Plattform | Orchestrierung, Agenten-Frameworks, Sonderfunktionen eines Anbieters | Anteil proprietärer Bausteine im eigenen Code |
| Vertrag und Betrieb | Kündigungsfristen, Wechselunterstützung, Löschung nach Vertragsende | Prüfung der Verträge gegen die Anforderungen des Data Act |
Die Ebenen wirken zusammen. Ein exportierbarer Datenbestand nützt wenig, wenn alle Prompts auf das Verhalten eines bestimmten Modells abgestimmt sind und niemand weiß, wie das Testset auf einem anderen ausfällt.
Was der Data Act regelt und was nicht
Der Data Act gibt Kunden ein Recht auf Wechsel, verpflichtet Anbieter zu Unterstützung und Datenexport innerhalb einer Übergangsfrist und beendet Wechselentgelte. Er macht aber weder Prompts portabel noch ersetzt er Architekturentscheidungen. Ob eine Anwendung in vertretbarer Zeit auf einen anderen Anbieter umziehen kann, entscheidet sich im eigenen Systementwurf, nicht im Gesetz.
Die Ausstiegsprobe: ein Nachmittag, der Monate spart
- Alle Daten der Anwendung exportieren, einschließlich Dokumenten, Metadaten und Protokollen.
- Den Export in eine alternative Umgebung laden, auch wenn es nur eine lokale Testinstanz ist.
- Das fachliche Testset gegen ein zweites Modell ausführen und die Abweichungen notieren.
- Aufwand, fehlende Bestandteile und überraschende Abhängigkeiten dokumentieren.
Die Probe gehört vor die Vertragsunterschrift und danach einmal jährlich in den Kalender. Sie kostet wenig und ersetzt Annahmen durch Beobachtungen.
Wo Portabilität wirklich zählt
Vollständige Austauschbarkeit ist ein unrealistisches Versprechen und meist auch unwirtschaftlich. Portabilität sollte dort hergestellt werden, wo ein Ausfall oder eine Preisänderung des Anbieters den Geschäftsbetrieb trifft: bei Anwendungen mit Kundenkontakt, bei Daten des Kernprozesses und bei Funktionen, die nicht kurzfristig manuell ersetzt werden können. Andere Abhängigkeiten dürfen bewusst eingegangen werden, sofern sie dokumentiert sind und ihre wirtschaftliche Begründung festgehalten wurde.
Beispiel: Eine Wissenssuche, die nicht umziehen kann
Ein Unternehmen baut seine interne Wissenssuche auf dem proprietären Vektorspeicher eines Anbieters und nutzt dessen Sonderfunktionen für die Aufbereitung von Dokumenten. Nach einer Preisänderung wird ein Wechsel geprüft. Die Dokumente lassen sich exportieren, die Indizes nicht, die Aufbereitung müsste neu entwickelt werden, und die Prompts sind auf ein Antwortformat abgestimmt, das andere Modelle nicht liefern. Der Wechsel würde Monate dauern und unterbleibt.
Die Alternative von Beginn an: Dokumente und Metadaten liegen im eigenen Speicher, der Index ist jederzeit neu aufbaubar, die Aufbereitung nutzt Standardkomponenten, und das Testset macht das Verhalten eines Ersatzmodells messbar. Der Wechsel bliebe Arbeit, aber planbare.
Nicht jede Abhängigkeit ist schlecht. Jede unbekannte Abhängigkeit ist es. Eine bewusst eingegangene und dokumentierte Bindung ist eine Geschäftsentscheidung; eine entdeckte ist ein Vorfall.
Abhängigkeit als Teil der Auswahlentscheidung
Die Frage nach dem Ausstieg gehört in jede Bewertung, die über Standardsoftware oder Eigenentwicklung entscheidet, wie sie der Beitrag zu Build or Buy beschreibt, und in jede Modellwahl. Welche weiteren Komponenten neben Modell und Cloud eine Bindung erzeugen, zeigt der Beitrag zur KI-Lieferkette.